Alessandro Manzetti – Naraka

Welcome to New Belmarsh Peniten­tiary, a space farm of human meat, where Slicers dispatch fleeing captives and organs are mechani­cally excised from the flesh and kept alive. Torture and death in a thousand variations await the dying and the damned. After the impact of radio­active, disease-bringing meteorite Uxor77 (presenting a new Year 0), a slow but unrelenting apocalypse is trig­gered. Earth is poisoned, agricul­ture compromised. In an already over-exploited environ­ment, this leads to a global food crisis. Only the rich can afford what little vegetables and meat remain clean. Canni­balism is just around the corner.
In the year 41 post-Uxor, countries like New France are heavily militarized and entire districts out of control, such as South Paris 5, governed by the criminal boss Big Blue, an “artist” who collects sadistic human installations. The wealthy dine at illegal cannibal­istic restaurants like Le Sphinx Tatoué, where they can have sadistic sex and unorthodox meals with “disposable” prostitutes, while mutated rats compete with human wretches on the streets for scraps of food.
New Moon Corpor­ation is making a profit out of this mess, experimenting with new drugs and breeding humans to produce meat for the rich. To this end, NARAKA, aka New Belmarsh Peniten­tiary, is built on the Moon, a way to control the spread­ing criminality by removing from the planet the worst scum of Earth. This includes Kiki Léger, former South Paris 5 prostitute turned professional assas­sin. In Naraka, inmates are slaugh­tered, packaged, and delivered to Earth in cans, while a lunatic pedophile priest makes up a new heretic religion. Even worse things happen in the lower layers of the underground, hive-like structure…

 

Wenn Leute wie Rose O’Keefe, Greg F. Gifune oder Edward Lee ein Buch empfehlen, werde ich nicht einfach nur neugierig, sondern werde das Buch sehr wahrscheinlich auch bald lesen – es gibt eben so manche Empfehlungen, auf die man einfach hört.

Alessandro Manzettis Naraka ist nun ein solches Buch.
Was die ganze Sache noch interessanter macht, ist, dass Manzetti Gründer und Besitzer von Independent Legions Publishing ist – ein Verlag, den ich sehr schnell schätzen gelernt habe.
Der Gründer eines Verlags, bei dem ich immer wieder stöbere, schreibt ein Buch, welches von Szenegrößen empfohlen wird (und zum Glück in einer englischen Übersetzung zu bekommen ist, da ich leider kein italienisch spreche)?!

 

»A tutto c’e rimedio fuor che alla morte.«
(Gegen alles gibt es ein Mittel, außer gegen den Tod.)

 

"Naraka" ist ein Begriff aus der buddhistischen Kosmologie. Es ist ein Ort der Leiden und körperlichen Qualen und entspricht somit in etwa dem Begriff "Hölle" oder "Fegefeuer".
Naraka unterscheidet sich von der Hölle des Christentums in zweierlei Hinsicht:
erstens werden Wesen nicht als Ergebnis eines göttlichen Gerichts oder einer Strafe nach Naraka geschickt;
zweitens ist die Dauer des Aufenthalts eines Wesens in Naraka nicht ewig, sondern nur eine Übergangsphase der Seele vor ihrer erneuten Wiedergeburt.

 

Tatsächlich ist es schwer, Naraka zu konzentrieren: es auf eine Story, einen Plot zu "reduzieren"; schwer zu kompensieren: das Gesehene, Erlebte, Gelebte zu "regulieren"; schwer zu artikulieren: diese Unendlichkeit, diese Transzendenz zu "transportieren"…

Möchte man immer von einer Individualität hören und sprechen, ist es hier doch anders… und so gleich.
Natürlich ist es individuell, doch ist das eben nur eine Facette, nur eine "Hölle" (um dem Kontext zu folgen und auch gewissermaßen gerecht zu werden), die Manzetti hier zu bergen weiß.
Es ist privat, persönlich, auf eine groteske Art schon beinahe intim, wie man als Leser, als dritte Person, als Selbst, bisweilen selbst Hölle Naraka, Kiki Léger folgt; begleitet, auf ihrem Weg.

Kiki, die Protagonistin – wie man normalerweise schreiben würde; hier Schicksal. Hier Weg. Hier Schicksalsweg den man beschreitet!
Und womöglich ist das der größte Unterschied, der (Genie-)Streich von Manzetti, die Höllen (Plural!) die hier warten:
Naraka ist kein Buch über eine Protagonistin, ein Schicksal, welches man verfolgt und (im besten Fall) auch erlebt – nein! – es ist der (personifizierte) Schicksalsweg, der von jedem einzelnen beschritten wird.

Naraka.
Das Konzentrat: Reduktion des Ursprungs.

Naraka.
Die Kompensation: Regulation der Konsequenz.

Naraka.
Die Artikulation: Transport der Persistenz.

Naraka.
Drei Höllen, die auf den, wie ins Fegefeuer geworfenen, Leser warten – drei Teile: Naraka, Kalasutra[1], Samghata[2].

Der erste Teil, Naraka, (ent)führt mich nach Butcher Bay (The Chronicles of Riddick: Escape from Butcher Bay, Starbreeze Studios, 2004) – diese gelebte Postapokalypse fernab jeglicher Heimat; dazu gesellt sich die dystopische Grundstimmung aus Alien – Die Wiedergeburt (OT: Alien: Resurrection, Jean-Pierre Jeunet, 1997), welche sich mit dem Wahn aus A Scanner darkly (Philip K. Dick, 1977) vermischt.
Kein Ziehen, kein Reißen – ein stilles Willkommen in der Hölle.

Man scheint weniger zu lesen, als zu erleben, als mit jeder weiteren Seite zu offenbaren, was wir haben aus uns werden lassen – die Krankheit unseres Schaffens.
Dieses rohe Stück Fleisch, das ich hier in meinen Händen zu halten scheine, ist, fernab dem rettenden Ufer der Fiktion, ein blutiger Thriller; zuviel Möglichkeit, zuviel Option, zuviel Wahrheit, als dass ich es reine Fiktion nennen könnte!
Wie eine dystopische Vorahnung, erhebt sich Naraka als Ursprung…

Teil 1 – Naraka:
ein unmissverständliches Inferno, fernab jeglicher Theatralik – ein Death-Metal-Brett à la Deicide in Buchform.

Kalasutra, Teil 2, folgt nicht dem Weg, sondern schreitet unaufhaltsam weiter – grundsätzlich folgt Naraka nicht, sondern beschreitet seinen Weg.
Auch stilistisch zeigt sich hier das Fortschreiten – aus dem Ursprung, Naraka, wächst die Konsequenz; dieses entstellte und abstoßende Resultat, wird regelrecht aus dem sterbenden Leib gepresst, derm es nicht vergönnt zu sein scheint, dieses Leiden endlich hinter sich zu lassen.
In einer Hard-Boiled-Atmosphäre treffen Cyber- und Splatterpunk aufeinander, verschlingen sich förmlich gegenseitig und erbrechen ihre neuerliche Existenz als alles verschlingende Dystopie.

Teil 2 – Karasutra:
ein aus den Höllenfeuern triefendes Schwarz – ein Black-Metal-Massaker à la Marduk in Worte gefasst.

Das abschließende Finale, Samghata, der dritte Teil, müsste nun die Pforten zur Hölle öffnen – gemessen an dem Bevorstehenden, wäre dies gar gnädig…
Zwar öffnen sich die Pforten, doch nicht zur Hölle, sondern dem Himmel; diesem Reich, das nun lediglich als fahle Illusion meinen Geist erreicht und mir als ewige Erkenntnis den Verstand zu rauben droht, nicht in die Hölle zu blicken, sondern aus ihr zu träumen…

Teil 3 – Samghata:
ein letztes Bekenntnis des ewig Sterbenden – ein Sludge-Untergang à la The Midnight Ghost Train zu Papier gebracht.

Dieses Erleben, diese Hölle, dieses Fegefeuer, diese Dystopie in Worte zu fassen fällt schwer – will zu sehr durchlebt werden, zeigt sich zu individuell, denn einfach dargelegt werden zu können; und doch bleiben die Worte von Riddick, aus dem Eingangs erwähnten Computerspiel:
»It ain’t the fall that gets ‚ya. It’s the sudden stop at the bottom.«
Naraka ist eben dieser Fall – inklusiver der Bewusstheit um das unvermeidbare Zerschellen.

 

Ursprung – Konsequenz – Persistenz… Ursprung.

Ursprung, Naraka, der Beginn…
…der drakonische Anfang, der weniger ist, als bleibt…

Konsequenz, Karasutra, die Folge…
…das inferiore Ergebnis, das sich selbst zu verschlingen scheint…

Persistenz, Samghata, der Fortbestand…
…die unendliche Wiederkehr, die in sich allen Ursprung gefangen hält…

Ursprung – Naraka, der Beginn…

…willkommen in der Hölle.

 

Ich bin normalerweise kein Freund davon, bei Übersetzungen etwas über die Sprache und/oder Stilistik des Autoren zu sagen – hier muss ich jetzt aber doch ein wenig schwärmen.
Die Wortgewalt, mit welcher Manzetti hier aufwartet sucht in diesem Genre seinesgleichen; beinahe möchte ich es wagen, von einer kafkaesken Atmosphäre zu sprechen.
Manzetti läutet mit Naraka eine neue Ära des Splatterpunks ein: literarisch, unbarmherzig, transzendent.

 

 

Manzetti, Alessandro - Naraka

 

Autor:
Titel:
Übersetzung:
Daniele Bonfanti (ins Englische übersetzt)
Cover-Design:
Illustrationen:
Enrico D’Elia
Auflage:
1. Auflage
(2018)
Seiten:
284 Seiten
Verlag:
Ausgabe:
Taschenbuch
(auch als eBook erhältlich)
ISBN:
9-788-831959-00-1

 

 

 

[1]:
Kālasūtra (beinhaltet die Qualen von Sañjīva[3]), die Hölle der schwarzen Seile, in denen die Leidenden gemäß den Markierungen, die von erhitzten schwarzen Eisenseilen gemacht werden, zerschnitten und auseinandergesägt werden
[2]:
Saṃghāta, die Hölle des Zermalmens, wo die Leidenden zwischen zwei sich bewegenden Gebirgszügen zerquetscht werden
[3]:
Sañjīva, die Hölle der wiederholten Wiedergeburt zur Folter, wo sich die Leidenden gegenseitig verletzen und töten, aber immer wieder zum Leben erweckt werden, nur um die gleiche Qual immer wieder zu erleiden

 

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